Im Rahmen meiner Serie „HR-Tipps einer schwierigen Mitarbeiterin“ wollte ich von euch wissen: Warum fanden euch eure Führungskräfte oder Kolleg*innen schwierig? Und obwohl so viel positives Feedback kam, habe ich mich gefragt: Bin am Ende vielleicht doch ich selbst das Problem?
Letzten Sommer startete ich auf meinem Blog und auf Linkedin meine Serie „HR-Tipps einer schwierigen Mitarbeiterin“ und war überwältigt von der Resonanz. Über hunderttausend Personen haben meine Beiträge gelesen, über hundert Personen haben kommentiert und zudem erreichten mich zahlreiche private Nachrichten. Anscheinend bin ich nicht allein mit den Eigenschaften, die manche meiner Führungskräfte und Kolleg*innen schwierig fanden – und ebenso wenig mit dem Gefühl, trotz guter „Performance“ nicht für diese (Arbeits-)Welt gemacht zu sein. In einem Linkedin-Aufruf, der nun schon einige Monate her ist, wollte ich schließlich von euch wissen, mit welchen Eigenschaften ihr im Berufsleben angeeckt seid, um eure Antworten in einem Community-Beitrag zu teilen. Und obwohl ich viele spannende Antworten bekommen habe, hat es mit dem Beitrag nun doch länger gedauert, als erwartet. Der Grund: Neben zeitintensiven beruflichen und privaten Projekten sind mir vor allem Selbstzweifel dazwischengekommen. Denn trotz der positiven Rückmeldungen schwebte für mich über allem die Frage: Was ist, wenn es doch an mir liegt? Strenge ich mich wirklich nicht genug an? Sollte ich nicht einfach die Zähne zusammenbeißen, statt ständig meine Bedürfnisse einzufordern? Ist es nicht doch etwas weit aus dem Fenster gelehnt, das System, die Strukturen oder meine früheren Arbeitgeber verantwortlich zu machen? Auf diese Frage möchte ich gegen Ende des Beitrags nochmal zurückkommen. Sehen wir uns erstmal die Antworten an, die mich erreicht haben.
Ehrgeiz und Grenzen
Vor allem Frauen, die wissen, was sie wollen, gelten scheinbar oft als schwierig. So wurde zum Beispiel Christina Hildebrandt, Co-Founderin der Kommunikationsberatung „Make it Matter“ immer wieder gesagt, sie sei anstrengend: „Weil ich mich angestrengt habe.“ Am Ende war aber genau das Christinas Erfolgsrezept. Eva Laurie, Head of Communications bei EUniWell wurde als schwierig empfunden, weil sie auch mal Nein sagt – das habe sie tatsächlich mal so in einem Gespräch als Feedback gehört. „Gerade als Frau habe ich den Eindruck, dass es grundsätzlich als ‚schwierig‘ wahrgenommen wird, wenn man mit Bestimmtheit auftritt und auch mal Grenzen setzt“, schreibt sie, „eine Fähigkeit, die ich mir, by the way, aus dringender Notwendigkeit heraus mühevoll erarbeitet habe und auch erhalten werde.“ Dass gelegentliche „Nein“ ist für Eva nämlich schon allein aus gesundheitlichen Gründen wichtig, da sie bereits einen Burnout erlitten hat.
Vernetzes Denken und Kritik
Auch das eigentlich von vielen Arbeitgebern gewünschte „outside the box“-Denken kommt oft nicht so gut an. Die SEO-Managerin Melanie Münstermann berichtet, dass ihre vernetzte Denkstruktur als chaotisch verstanden würde. Sie denke nicht nur in ihrem Fachgebiet, sondern darüber hinaus. „Das wurde mir schon als übergriffig angekreidet“, schreibt sie. Dabei kam die Kritik vor allem von der Führungskraft, als sie Ideen für ein anderes Fachgebiet äußerte. „Für die Kollegin war es dabei okay. Die fand fachübergreifenden Austausch interessant.“ Dennis Kellermann, Softwareentwickler und Inbetriebnehmer in der Prozessautomatisierung, schreibt: „Ich hinterfrage mich und mein Handeln dauerhaft kritisch und tue dies ebenso bei alltäglichen Dingen auf der Arbeit. Ich will damit nur Verbesserungspotenzial finden und nutzen, leider fühlen sich die meisten dadurch offensichtlich angegriffen.“ Ihm werde auch oft vorgeworfen, dass er zu kompliziert denke. „Gut möglich, dass man über die Jahre dazu verleitet wird eindimensional zu denken, denn das vereinfacht vieles“, beobachtet Dennis, „mein Resignationsfaktor ist jedoch noch nicht so hoch und ich wage deshalb noch den Blick über den Tellerrand.“
„Schwierig wird es immer dann, wenn unsere Wahrheit und Sichtweise nicht der Gewünschten entspricht“, beobachtet Tanja Pfeiffer, Prokuristin bei Desay SV Europe, „dann ist man schwierig und arbeitet ‚gegen‘ die anderen. Ja-Sager haben es vielleicht einfacher und bekommen auch immer den größeren Bonus, sie bringen uns jedoch nicht weiter.“ Kontroverse Diskussionen von Personen, die Bedenken haben, würden Entwicklung fördern. „Leider werden sie aber nicht wertgeschätzt.“ Tanja schließt sich außerdem Evas Beobachtung an: „Gerade als Frau gilt man dann als zickig, während Männer durchsetzungsstark sind.“
Interkulturelle Missverständnisse
Dabei kann es auch schlichtweg eine kulturelle Frage sein, was als schwierig oder anstrengend gilt. Long Qu, Workshop Designer und Facilitator, vermittelt zwischen der westlichen und fernöstlichen Kultur. Er kommentiert, dass man ihm in der westlichen Arbeitswelt manchmal vorwerfe, er würde Dinge zu viel durchdenken. „Fang einfach mal an“, sei ein Satz, den er dann oft höre. „Vielleicht ist das meine chinesische Seite“, schreibt er. In China würde man dieses Verhalten nämlich ganz anders interpretieren. „Kompliziert sein“ gelte dort weniger als Effizienzverlust, sondern sei ein Hinweis darauf, dass eine Person Tiefe hat — etwa, dass jemand schnell viele Zusammenhänge erkennt.
Neurodivergenz
In den Reaktionen auf meine Serie kam zudem immer wieder das Thema Neurodivergenz auf – auch schon, bevor ich es in den Beiträgen explizit erwähnt hatte. Mehrere Personen schrieben in den Kommentaren und privaten Nachrichten an mich, dass sie hochsensibel seien oder mit Autismus oder ADHS diagnostiziert. Sie spüren Spannungen früh, brauchen klare Informationen und reagieren stark auf Reizüberflutung – Fähigkeiten, die je nach Umfeld als Stärke oder als Schwierigkeit gelesen werden. Paulina Hornbachner, freiberufliche IT-Fachkraft und Coach für neurodivergente Selbstständige, bot mir auf meinen Linkedin-Post hin direkt ein Interview an und berichtete von Erfahrungen, die sie in ihrer Zeit als Angestellte und Führungskraft gesammelt hat. Paulina ist spätdiagnostizierte Autistin und wusste lange nicht, dass einige ihrer Verhaltensweisen durch den Autismus bedingt sind. „Meiner Erfahrung nach, sind meine Eigenschaften und Talente, je nach Gegenüber und Situation, Fluch oder Segen“, berichtet sie. Paulina hat immer wieder gemerkt, dass sie polarisiert: „Die eine Hälfte der Menschheit hat mich für das geschätzt, was ich bin, und die andere Hälfte hat genau das bekämpft.“ Jetzt, wo sie ihre Diagnose hat, versteht sie besser, warum das so war. „Ich kann mich zum Beispiel ganz schwer in Hierarchien einfügen. Nur weil jemand laut Organigramm eine höhere Funktion oder eine höhere Position hat, heißt das für mich noch lange nicht, dass ich der Person automatisch Respekt entgegenbringen muss. Schon gar nicht, wenn sie sich respektlos verhält.“ Paulina habe sich außerdem keine Aufgaben zuweisen lassen, die nicht in ihre Aufgabenbeschreibung gehören. Ein weiteres Thema sei, dass sie gerne den Überblick habe: „Oft sagen Leute einfach ‚Mach mal‘, ohne alle Informationen zu geben. Aber wenn ich gewisse Grundinformationen nicht habe, kann ich mich nicht in Bewegung setzen.“ Das sei eine autistische Eigenschaft, die sich in einer Position als Projektleitung als großer Vorteil entpuppt hat.
Auch andere von Paulinas „autistic traits“ können sehr nützlich sein: Paulina ist beispielsweise gut darin, Muster zu erkennen und reagiert auf Risiken, die andere ausblenden. „Die machen mich nervös, deswegen versuche ich immer, sie zu minimieren, am besten ganz zu eliminieren.“ Zudem ist Paulina besonders gut darin, vorauszuplanen und die für verschiedene Arbeitsschritte notwendigen Zeiträume richtig einzuschätzen. Und entgegen dem Vorurteil, dass Autist*innen unempathisch seien, ist Paulina hyperempathisch, was ihrer Erfahrung vor allem bei Frauen im Spektrum oft der Fall ist. „Wir picken schnell die Gefühle der anderen auf, weil sich die direkt auf uns übertragen. Das heißt, wir können Räume ganz anders lesen, wissen genau, wie die Stimmung gerade ist.“ Das könne einerseits belastend und überfordernd sein, sei aber andererseits auch eine wertvolle Fähigkeit: „Wir spüren vor allem Konflikte, bevor es die anderen überhaupt wahrhaben wollen.“ Wenn es nötig ist, kommuniziert Paulina auch deutlich, wenn ihr etwas auffällt, das andere übersehen. Diese Ehrlichkeit kam nicht immer gut an. „Die meisten Menschen wollen gar nicht, dass man zu ihnen ehrlich ist“, stellt sie fest. Vor allem in Managementpositionen sei das ihrer Erfahrung nach nicht üblich. Das ging sogar so weit, dass Personen Paulinas Ehrlichkeit für einen Trick hielten. Heute hat sie sich in der Selbstständigkeit ein Arbeitsumfeld geschaffen, das für sie nachhaltig funktioniert. Wie genau das aussieht, beschreibt sie auf ihrer Website.
Wir müssen in den Dialog kommen!
Von der Projektberaterin Heike K. erreichte mich eine private Linkedin-Nachricht. Sie sagt, dass sie aus Sicht ihrer bisherigen Arbeitgeber wahrscheinlich schon auf alle erdenklichen Weisen „schwierig“ war. Während ihrer Ausbildung wollte sie alles tief verstehen und ihr Ausbilder war von ihren vielen Fragen genervt. Später erklärte sie ihrem Chef offen ihre Einschätzung, dass ein Projekt mit der aktuellen Herangehensweise zum Scheitern verurteilt war und stritt sich mit ihm. Sie fragte außerdem nach mehr Verantwortung, wenn sie unterfordert war und verlangte Struktur und Grenzen, wenn die Umgebung sehr selbstorganisiert war. „Alles in Allem kann man sagen, ich war und bin sehr hartnäckig“, erklärt Heike. Sie ist sich darüber bewusst, dass ihr Verhalten aus mehreren Perspektiven betrachtet werden kann. Arbeitgeber könnten sagen, sie sei schwierig, anstrengend und sehr fordernd – oder, dass sie klar, ehrlich und authentisch sei. Eine Person, die mitdenkt, die sich traut, auch Fragen auszusprechen, die unbequem sind. Die leistungswillig ist, aber nicht zu allen Bedingungen. „Wir alle haben eine Vergangenheit, haben Muster und Trigger. Wir alle haben bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, die sich nicht unterdrücken lassen“, schreibt Heike, „in letzter Konsequenz geht es aber immer um darum, ob man einander vertraut und gemeinsam nach einer Lösung für gute Zusammenarbeit suchen möchte.“ Es sei viel einfacher zu gehen, als sich gemeinsam an den Tisch zu setzen und sich das Problem anzusehen: „Ich bin dafür, dass wir wieder mehr in unsere zwischenmenschlichen Beziehungen investieren, vor allem im Job. Und das gilt für uns alle.“
Das bringt mich zurück zu meiner Frage: Ist es wirklich das System oder bin ich am Ende doch einfach ein schwieriger Mensch? Die Antwort liegt wie bei den meisten philosophischen Fragen wahrscheinlich irgendwo dazwischen: Beide Seiten haben irgendwo ihren Anteil daran, wenn die Dinge nicht so funktionieren, wie sie sollen – und entsprechend sind auch beide Seiten in der Verantwortung, die Situation zu verbessern. Organisationen, indem sie psychologische Sicherheit schaffen, zuhören und gute Arbeitsbedingungen ermöglichen. Und Mitarbeitende, indem sie reflektieren, was sie brauchen, Bedürfnisse selbstbewusst äußern und die Unterstützung annehmen, die sie bekommen.
