Fast alle kennen das Motiv aus dem Kinderbuch Momo: Graue Herren überreden Menschen mit einem falschen Versprechen zum Zeit sparen und nehmen ihrem Leben damit die Farbe. Warum wir uns den Klassiker von Michael Ende gerade jetzt nochmal vornehmen sollten.
Seit Kurzem ist die 2025 erschienene Neuverfilmung von Momo auf Netflix zu sehen – und zumindest in meinem Bekanntenkreis gibt es gemischte Stimmen über die moderne Adaption von Christian Ditter. Mir persönlich zeigte sie aber vor allem, wie zeitlos der Roman ist, der mich seit meiner Kindheit durch verschiedene Lebensabschnitte begleitet. Denn die grauen Herren begegnen uns heute, im Zeitalter von KI, häufiger denn je.
Zeit und Zeitlosigkeit ist gleichzeitig das Hauptmotiv der Geschichte. Das kleine Mädchen Momo, das allein in einem alten Amphitheater lebt, reagiert verwirrt, als die Bewohner*innen der nahegelegenen Stadt sie nach ihrem Alter fragen: „Soweit ich mich erinnern kann, war ich schon immer da.“ So gibt es für Momo keine Uhrzeiten und Jahreszahlen. Ganz im Sinne der buddhistischen Philosophie lebt sie einfach den Moment und bringt auch andere Menschen dazu, sich dem Moment hinzugeben und dabei auch mal die Zeit zu vergessen.
Die Illusion der Effizienz
Genau mit dieser Eigenschaft wird Momo unwillentlich zur Gefahr für die grauen Herren (in Ditters Verfilmung sind es Herren und Damen). Die seriös anmutenden, Zigarre rauchenden Gestalten rechnen den Stadtbewohner*innen nämlich vor, wie viel Zeit sie sparen könnten, wenn sie vermeintliche sinnlose Tätigkeiten wie Freund*innen treffen oder sich um Haustiere kümmern unterlassen. Das trügerische Versprechen: Die gesparten Sekunden in die sogenannte Zeitsparkasse einzuzahlen, um sie für später aufzuheben. Immer mehr Bürger*innen fallen den grauen Herren zum Opfer und hetzen nur noch von einer Verpflichtung zur anderen, während Momo dem Geheimnis auf die Schliche kommt: Die mysteriösen Wesen rauchen die gesparte Zeit der Menschen in ihren Zigarren – und diese brauchen sie, um überhaupt existieren zu können. Dass die Stadtbewohner*innen die gesparte Zeit je wiederbekommen, ist ein Scam; der Glaube, durch die Effizienz etwas zu gewinnen, ist eine Illusion.
Zeitersparnis, künstliche Intelligenz und New Work
Auch in unserem (Arbeits-)Alltag sind die grauen Herren auf unsichtbare Weise präsent, denn auch wir begegnen täglich zahlreichen Verlockungen, Zeit zu sparen. Künstliche Intelligenz ist dafür das beste Beispiel, denn sie ist ein mächtiges Werkzeug, um viele Arbeitsaufgaben oder auch Alltagsaufgaben effizienter und damit schneller zu erledigen. Das sollte zunächst einmal ganz im Sinne von Momo sein: Denn wenn ihre Freund*innen mit ihren lästigen Verpflichtungen schneller fertig wären, dann hätten sie mehr Zeit, um mit ihr zu spielen oder den Zikaden im Amphitheater zuzuhören.
Übertragen auf unsere Welt heißt das: Wir könnten dank KI mehr Zeit für das haben, was uns wirklich wichtig ist – sei es, in unserem Job mehr Zeit für kreative Aufgaben, Herzensprojekte und menschliche Interaktion zu haben oder auch früher Feierabend zu machen, um Zeit mit unseren Lieben zu verbringen, außerberuflichen Leidenschaften nachzugehen oder einfach Dinge zu tun, die unsere körperliche und mentale Gesundheit fördern und erhalten. Das entspricht gleichzeitig ganz der Idee des Philosophen Frithjof Bergmann. Denn seiner These nach bedeutet New Work, die Erwerbsarbeit durch Automatisierung auf wenige Stunden die Woche zu beschränken und dafür mehr Zeit mit der Arbeit zu verbringen, die wir „wirklich, wirklich wollen“ – Tätigkeiten, die unseren persönlichen Wünschen, Hoffnungen, Träumen und Begabungen entsprechen.
Aber stattdessen sieht es so aus, als hätten uns die grauen Herren fest im Griff. Denn obwohl uns KI inzwischen bei so vielen Aufgaben effektiv unterstützt, wissen viele von uns nicht, wo die gesparte Zeit eigentlich hingeht – sie scheint einfach so in den Zigarren der Zeitdiebe zu verpuffen. Zumindest zeichnet sich bisher nicht ab, dass die gewonnene Effizienz automatisch zu mehr Gelassenheit oder einem erfüllteren Leben führt. Stattdessen steigen die Erwartungen, noch mehr in noch kürzerer Zeit zu schaffen. Weil aber unsere Nervensysteme eher nach Momos Zeitempfinden laufen, sind wir permanent überlastet und überfordert.
Die Zeit zurückholen
Umso wichtiger ist es, dass wir uns die Illusion der Effizienz – in Momo symbolisiert durch die grauen Herren – bewusst machen. In Christian Ditters Verfilmungmachen die Zeitdieb*innen den Geschichtenerzähler Gino zum weltberühmten Influencer und stellen ihm ein Schreibteam zur Verfügung, das die Texte für seine Shows und Videos verfasst – während seine eigene Kreativität und damit das, was ihn ausmacht, durch den Effizienzdruck versiegt. Wir sollten uns demnach auch fragen, wann uns KI wirklich wertvolle Zeit spart und wann sie uns genau den Teil der Arbeit abnimmt, der uns Freude bereitet. So wie für Gino ist für mich das Ausdenken und Schreiben von Geschichten mitunter das, was mir an meiner Arbeit am meisten Spaß macht. Deswegen habe ich diesen Text ohne KI geschrieben und ihn von ChatGPT lediglich korrekturlesen und verfeinern lassen.
Statt die gesparte Zeit mit noch mehr Routineaufgaben zu füllen, sollten wir sie uns aktiv zurückholen und für das nutzen, was uns gut tut und mit Sinn erfüllt, und uns so die Farben ins Leben zurückbringen. Zeit zu sparen ist wertlos, wenn wir sie anschließend wieder verkaufen. Effizienz ist kein Selbstzweck. Sie ist nur dann sinnvoll, wenn sie uns Zeit für das schenkt, was keine Maschine übernehmen kann.
Was genau das für uns bedeutet, ist individuell, denn wie Meister Hora in Momo sagt: „Jeder Mensch hat seine Zeit. Und nur solange sie wirklich die seine ist, bleibt sie lebendig.“ Diese Zeit stirbt, wenn sie von ihren Eigentümer*innen losgerissen wird, wie es die grauen Herren versuchen. Das können sie aber auch nur dann, wenn wir sie lassen, denn wie Meister Hora hinzufügt: „Sie entstehen, weil die Menschen ihnen die Möglichkeit geben, zu entstehen. In Wirklichkeit sind sie nichts.“ Und wenn wir sie keine Zeit mehr stehlen lassen, dann müssen sie zurück in das Nichts, aus dem sie gekommen sind.
Seid ihr auch schon mal auf den Betrug der grauen Herren hereingefallen? Und wie habt ihr euch eure Zeit zurückgeholt?

